Rémy Schumm blog ingénieur

Die Sache mit «WhatsApp»

publiziert am 28. 08. 2012 um 08:03

Dieser Beitrag wurde aus dem alten Blog importiert. (Link zum Orginal in Blogger)

(aktualisierte Version Januar 2019)

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich WhatsApp nicht mag, und warum ich keine Konversation starten kann: WhatsApp war für mich nicht (ganz) benutzbar, weil ich der App nicht erlaubt habe, auf mein Adressebuch zuzugreifen.

Um in WhatsApp eine neue Konversation zu starten, muss man zwingend in den Privatshären-Einstellungen den vollen Zugriff auf das private Adressbuch des Telefons geben. Man kann nicht direkt eine Telefonnummer eingeben.

Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass facebook weiss, wer in meinem Adressbuch steht. Alle. Auch die, die nie Social Media hatten. Meine Grossmutter, meine Ärzte, mein Rechtsanwalt, Bankkontakte, etc…

Was passiert.

Wenn ich versuche, in WhatsApp eine Telefonnummer einzugeben, verlangt es Zugriff auf mein Adressebuch. Wenn ich das zulasse, wird Whatsapp mein gesamtes Adressbuch zu facebook kopieren:

WhatsApp

Fazit: kein WhatsApp

Moral der Geschichte: ich werde nie eine Konversation mit WhatsApp starten, höchstens auf eine Antworten, wenn mich jemand anschreibt.
Übrigens hatte WhatsApp einen kleinen Bug, sodass man trotzdem (mit einen kleinen Trick) eine Konversation starten konnte, ohne die Adressen an facebook zu schicken: dieser Bug wurde vor kurzem (Ende 2018) gefixt.

Erklärung: warum?

Eine etwas genauerer und - vielleicht - etwas paranoide Erklärung dazu:

Technisch begründen tun sie das, dass sie damit «abgleichen können, wer alles WhatsApp hat, um die Favoritenliste zu erstellen». Dieses Verhalten wurde mir von einem WhatsApp Support-Mitarbeiter mitgeteilt. (Wenigsten waren sie so ehrlich und haben es nach 3x Nachfragen zugegeben.)

Nun meine Überlegungen: ist das nötig? Ich bin der Meinung: nein.

Auch andere Applikationen sammeln Adressbuchdaten, z.B. facebook, iCloud, etc. etc. - aber sie tun das nicht, ohne den User zu fragen. Und sie funktionieren auch, wenn der User seine Telefonnummern nicht alle verschicken will.

WhatsApp bzw. facebook tut das natürlich, um einen globales Netz aufzubauen, um zu wissen, wer wen kennt: der Preis, den WhatsApp kostet, ist die Sammlung aller privater Adressebücher der Welt.

Unterschied zu facebook messenger, snapchat, etc.?

Was ist jetzt aber der Unterschied zu facebook messenger, snapchat, etc.? Nun, der springende Punkt ist: diese Dienste funktionieren auch ohne vollen Zugriff auf und Kopie des Adressebuchs. Dort gebe ich nur Preis, mit wem ich auf der Platform selbst verbunden bin, also nur Leute, die sich wissentlich mit mir z.B. auf messenger verbinden (z.B. meine facebook-Freunde). Alle anderen, z.B. meine Grossmutter, sind von all dem nicht betroffen.
Im Gegensatz dazu WhatsApp: alle Leute die ich kenne, auch solche, die nicht auf Whatsapp sind, werden an facebook verschenkt.

Mein Adressbuch ist sehr privat für mich - und sehr wertvoll. Zu Wertvoll, um es facebook zu schenken.

Apple iMessage funktioniert da übrigens auch anders… Apple merkt sich nur, wer alles iMessage (bzw. ein Gerät von Apple) hat und schickt die Nachrichten einfach weiter.

Vorgeschichten

Da ich diesen Artikel einige Male erweitert habe, hier noch ein paar Updates die über die Jahre dazu gekommen sind:

Update August 2016: facebook übernimmt die Adressdaten:

Es ist passiert, was passieren musste: Facebook, der Inhaber von WhatsApp, ändert die Benutzungsrichtlinien. Telefonnummern werden mit Facebook ausgetauscht. Also wird mein privates Telefonbuch nun der US-Amerikanischen Firma Facebook bekanntgegeben, als Preis dafür, WhatsApp benutzen zu dürfen. Das geht für mich gar nicht.
Unterdessen ist es eingeschränkt möglich, WhatsApp ohne Freischaltung des privaten Adressbuchs (teilweise) zu benutzen. Meine Freunde wissen davon.

Kleines politisches Statement dazu:

Das PTT Monopol der Bürger ist schlecht! Wir müssen die Kommunikation der Privatwirtschaft überlassen! 😳😴🙊😜 (Das sagten die Bürgerlichen Anfangs 90er Jahre…) Der freie Markt hat also dazu geführt, das praktisch die gesamte Text-Kommunikation von einem privaten amerikanischen Unternehmen kontrolliert wird - welches zu all dem noch alle privaten Adressebücher aller Bürger sammelt. Crazy, nicht?

Update Juni 2017: WhatsApp nach europäischem Recht illegal?

Ein Deutsches Gericht entscheidet, dass genau die Praxis des “Verschenkens” des persönlichen Adressebuchs als Voraussetzung zur Benutzung von WhatsApp gegen Deutsches Recht verstösst. Sozusagen die gleiche Argumentation, die auch ich mache. Spannend. Atrikel: Nutzung von WhatsApp verstoesst gegen geltendes Recht.
Im Wesentlichen geht es in dem Urteil darum, dass ich der Firma facebook Daten meiner Freunde übermittle, ohne sie darüber zu informieren - sprich: deren Telefonnummer und den Fakt, dass sie mich kennen.

Wieder ein kleines politisches Statement:

Aber die Marktmacht ist zu gross. Wir haben die Kontrolle über unsere Kommunikation und über unsere Freundschaftskreise an eine US-amerikanische Firma verloren.


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